Posted on Aug 24, 2013 | 9 Kommentare

Eigentlich wollten wir eine andere Überschrift wählen:

Ruhrgebiet. 20:00 Uhr. Der Hals schwillt.

Aber es ist ja eine Buchrezension, da muss man ein paar Rahmenbedingungen einhalten, sagt Frauchen.

Worum es geht?

Um ein Buch aus dem CADMOS Verlag und zwar:

B.A.R.F. für Katzen” von Nadine Leiendecker
80 Seiten, 17 x 24 cm, durchgehend farbige Abbildungen, Softcover
Cadmos, ISBN: 978-3-8404-4001-4
Preis: EUR 12,99

Wie wir das von der Pfotenhieb schon kennen hat das Buch selbst eine tolle Qualität. Schönes, festes Papier und ein toller Druck. CADMOS Bücher sind einfach angenehm in den Händen zu halten.

Jetzt aber zur Rezension, hier sind ‘our two cent’:

Wie bei allen Büchern fragen wir uns immer vorher für welchen Leserkreis es wohl geschrieben sein mag um dem potentiellen Leser (eine Stimme von hinten aus der Dunkelheit, ein Kater vermutlich: “Lest das niiiiicht”) eine gute Einschätzung geben zu können. Wir denken, daß es für Leute geeignet sein dürfte, die viel in Foren unterwegs sind und alles blind glauben, was Ihnen aufgetischt wird, die Pauschalaussagen lieben, die keine Belege für die zahlreichen Behauptungen benötigen und welche, die sich nicht viele Gedanken machen über das für und wider.

Das erste was wir in einem Fachbuch machen ist von hinten an nach den ganzen Zusatzinformationen zu schauen, vorwiegend nach den Quellenangaben oder der verwendeten Literatur, aber da ‘is nüscht’. Nix, nada. Keine einzige Quellenangabe. Also ein Buch im Freiflug.

Man könnte die Rezension auch als kleine Reise durch das Buch wiedergeben:

Ruhrgebiet. 20:01. Seite 9. Vorwort. Der Hals schwillt.
Frau Leiendecker beschreibt wie sie zum BARFen gefunden hat oder genauer gesagt wird der Eindruck geweckt ‘wie sie das BARFen für Katzen in Deutschland ERfunden hat’. Die Abschlußarbeit war in 2009. Hm, mal ein kurzer Blick “way back”:
* dubarfst-Community ab 2006
* dubarfst Magazin ab 2007
* Katzennatur seit 2006
* Savannahcats seit 2002

Es geht weiter mit der Entwertung der Mythen der Katzenernährung – durchaus brauchbare Aussagen ohne Tiefe. Dann geht es über in die Grundlagen der Rohfütterung.

Ruhrgebiet. 20:10 Uhr. Seite 20. “Barfen mit Getreide ist ebenso gut wie Barfen ohne Getreide”. Der Hals schwillt.

Zu Getreide kommen wir noch, deswegen lassen wir das mal so stehen. Dann finden sich kleine vermeidbare Patzer auf den nächsten Seiten. Angeblich sinkt durch die Verarbeitung bei Dosenfutter wie Erhitzen die Verdaulichkeit. Das ist nicht korrekt. Die “zerkochten” Proteine werden durchaus besser verdaulich. Das was sinkt ist die Bioverfügbarkeit, also die Verwertbarkeit der Nährstoffe. Dies ist nur ein Beispiel von vielen. Ob es der böse Zucker ist, der angeblich die Zähne schädigt. KH Teil 2 – wir erinnern uns. Zucker muss differenziert werden und für Karies sorgt er sicherlich nicht.

Es folgen ein paar Seiten zur Anatomie, die brauchbare Informationen enthalten. In dem darauf folgenden Kapitel ab Seite 31 geht es endlich um die Wurst – besser gesagt natürlich die Maus. Ruhrgebiet. 20:15 Uhr. “Einstieg in die B.A.R.F. Praxis”. Der Hals schwillt.

Es finden sich viele Aussagen wie: “Sie enthalten aber auch weitere Mengen- und Spurenelemente, welche die Katze dringend benötigt.” – “Blut enthält neben Wasser vor allem Mineralsalze, aber auch weitere Mengen- und Spurenelemente.”

Na, welche sind das denn? Wenn die “dringend benötigt” werden, dann muss man sie doch beim Namen nennen. Dann der Abschnitt über die Haut, der ach so tollen Lieferantin für Energie, Fett und essenziellen Fettsäuren. Daß Hühnerhaut nur zu 41% aus Fett besteht und ein viel zu ungünstiges Verhältnis von Omega 6/Omega 3 aufweist ist nicht erwähnenswert oder man weiss es nicht besser. Das ideale Beutetier besteht aus 85% Fleisch, 10% pflanzlicher Kost und 5 % Getreide. Hoffentlich haben die Beutetiere ihren Spickzettel dabei, damit sie ja nicht mehr Getreide essen… Wenn sie sich überhaupt bewegen können so ohne Knochen, also ohne Skelett 🙄 Ihr als aufgeklärte Leser werdet natürlich sofort aufschreien und fragen wo das Fett und das Calcium herkommen sollen. Tja, das wissen wir auch nicht. Eine Formel zur Berechnung der Tagesration gibt es auch: 5000 : 100 * 3 = 150g – es ginge auch einfacher: 30g/kg Körpergewicht: 30g * 5 = 150g.

Ruhrgebiet. 20:25 Uhr. Seite 35. “Man braucht kein schlechtes Gewissen zu haben wenn man sein Tier einen Tag lang mal hungern lässt. […] Und in zoologischen Gärten ist es üblich, daß die Wildkatzen und Großkatzen einmal pro Woche nichts zu fressen bekommen.”. Der Hals schwillt.

Selbstverständlich gilt dies ausschliesslich für Großkatzen! In Zoos gibt es keine Fastentage für Kleinkatzen! -> Kirsten bei Katzennatur, unter 4.

Irgendwo fällt auch mal das Wort “purzeln” im Hinblick auf Gewicht verlieren. Dies ist auch nicht korrekt, eine Katze darf nur extrem langsam an Gewicht verlieren.

Ruhrgebiet. 20:26 Uhr. Seite 36. “Da die meisten Tiere ein leichtes Frühstück bevorzugen, bietet sich hier Vollkorngetreide (zum Beispiel in Wasser, Gemüsebrühe, Fleischbrühe oder Milch eingeweicht) an.” Der Hals schwillt und ist kurz vorm Platzen. Wo zum Kuckuck kommt immer dieses Getreide her? Getreide hat überhaupt nichts in der Katzenernährung verloren. Wenn dann aufgeschlossene Kohlenhydrate, aber Einweichen schliesst das Getreide nicht genügend auf. Egal wie klein gemahlen es ist. Kochen oder der Zusatz von Enzymen würde die Kohlenhydrate aufschliessen. Für uns persönlich dann noch der Knaller, daß Frau Leindeckers Katze “morgens kein Getreide mag und am liebsten mit Fleisch anfängt” Das Getreide wird untergeschoben, damit es akzeptiert wird. Was möchte die Katze damit wohl sagen? *mal scharf nachdenk*

Man soll möglichst kein tiefgefrorenes Fleisch nehmen, da man den Aggregatzustand beim Einfrieren verändert (ach? sag bloß) und dadurch die Gefahr besteht daß “verschiedene Vitamine zerstört werden”.  Was den Vorteil der Abtötung von Wurmeiern bei Gefrieren von mind. 48 Stunden angeht scheint die Information 2010 noch zu neu gewesen zu sein. Auch müssig zu erwähnen, daß beim Einfrieren und anschliessenden Auftauen nahezu gar kein Vitaminverlust stattfindet. Ein guter Artikel dazu ist bereits 2002 erschienen: Kaltgestellt – Qualität und Sicherheit tiefgekühlter Lebensmittel

Es gibt noch ungefähr 20 Punkte, die man anbringen und bemängeln könnte, die einfach falsch sind oder falsch interpretiert oder falsch verstanden. Manche könnte man auch als grob fahrlässig ansehen. Ob es die einzelnen Fischsorten sind, daß Fisch 1-2 mal pro Woche gegeben werden MUSS weil es sonst zu Vitamin B1 Mangel kommt, ob es die falschen Aussagen zu pflanzlichen Ölen sind, die Empfehlung von Obst oder Honig, die Empfehlung von normalem Leinsamen, die merkwürdigen Rezepte, die Empfehlung von Schlundfleisch welches zu Schilddrüsenerkrankungen führen kann, da könnte man noch minutenlang drauf eingehen, aber der Hals macht nicht mehr mit. Es wird nicht besser, je weiter man liest. Wir sind durch. Und wir müssen ja auch nicht die Recherchearbeit übernehmen und alle Fehler aufzeigen.

Im Anschluss gibt Frau Leiendecker – diplomierte Kräuterfrau – noch Tipps zu Kräutern als Zusatz zum Katzenfutter. Gleich an erster Stelle steht der Ackerschachtelhalm, der übrigens als Giftpflanze geführt wird. Für Pferde und Wiederkäuer, die sogar sterben können, sicher dramatischer als für Katzen, aber daß die Pflanze thiaminasehaltig ist und dadurch Vitamin B1 zerstört wird, das steht dort nicht. Wir erinnern uns, daß speziell auf das wichtige Zufüttern von Fisch zur Vitamin B1 Versorgung hingewiesen wurde.

Unser Fazit: Dies ist KEIN empfehlenswertes Buch zum Thema B.A.R.F.en. So leid es uns auch tut, weil es sowieso schon so wenig gute deutschsprachige Bücher gibt. Aber die Bilder sind nett.