Posted on Feb 24, 2014 | 5 Kommentare

Wer sich näher mit der Katzenernährung beschäftigt stolpert zwangsläufig über die Bedarfswerte der Katze und deren Erfüllung. Wie auch im wahren Leben gibt es beim Umgang mit diesem Thema die verschiedensten Typen. Den Paniker, der immer meint er macht immer etwas falsch. Den Draufgänger, der einfach macht und davon ausgeht dass er das sicher treffen wird. Und den Normalo, der das Für und Wider säuberlich abwägt und mit Vernunft an das Thema herangeht und eine solide Basis schaffen wird.

Warum das aber selbst für Normalos nicht so einfach ist, den Paniker in nervöse Zustände versetzen und den Draufgänger zum kurzen Zwischenstopp rufen wird, das gucken wir uns heute mal näher an.

„Wie schön wäre es doch […], wenn sie […] anhand von einzelnen Symptomen Krankheiten direkt benennen könnten. Doch erst das komplexe Verständnis von Organfunktionen und deren Kommunikation untereinander, sowie das Zusammenspiel von Krankheit und Symptom, machen die[s] […] nicht nur zu einem interessanten, sondern auch zu einem schwer durchschaubaren Gebiet.“ (Dr. med vet Michael Streicher in „Risiken der Homöopathie bei Katzen“)

Wie komplex nicht nur diese Organfunktionen und deren Beziehung zueinander sind, sieht man, wenn man sich alleine die Wechselwirkung der Mineralstoffe untereinander anschaut.

„Die Zahl der Wechselwirkungen zwischen Mineralstoffen ist ungeheuer groß.“ (Klinische Diätetik für Kleintiere)

Dazu gibt es sogar ein ganz schickes Diagramm:

mineral-interrelationship_IMG

Und dies gibt wie gesagt nur die Wechselwirkung bei den Mineralstoffen wieder. Natürlich besteht noch eine Verbindung zwischen Mineralstoffen und Vitaminen, zwischen Mineralstoffen und Enzymen, bei denen zumeist Mineralstoffe ein notwendiges Co-Enzym darstellen, zwischen Mineralstoffen und Hormonen, usw. – also quasi zwischen allen möglichen biomechanischen Substanzen.

Warum wir euch das erzählen?

Nun, uns ist in der Vergangenheit öfter aufgefallen, dass überlegt wurde einen bestimmten Mangel auszugleichen, der vielleicht durch ein Blutbild oder offensichtliche Symptome sichtbar geworden ist.

„Meine Katzen hat laut Blutbild einen Eisenmangel. Welches Eisenpräparat ist am besten?“

„Meine Katze hat FORL, laut neuesten Erkenntnissen eine Störung im Calciumhaushalt, jetzt möchte ich Vitamin D geben, weil das die Calciumaufnahme fördert.“

Auch im „Fettartikel“ haben wir gelernt, dass zwischen Vitamin E und Selen ein Synergismus besteht, der eine entscheidende Rolle im antioxidativen Abwehrsystem spielt.

Anhand der Abbildung kann man leicht erkennen, dass es bestimmte Mineralstoffe gibt, die eine besonders große Wechselwirkung  besitzen. Bevor die Wechselwirkung jedoch ins Spiel kommt muss natürlich die Frage aufgeworfen werden, wie gut der Mineralstoff, der vorn in die Katze reingekippt wird am Ende verarbeitet werden konnte. „Löslichkeit“ ist einer diese Aspekte, der PH-Wert, das Reduktionspotenzial, die Ladungsdichte und die Fähigkeit zur Komplexbildung.

Das war jetzt nicht chinesisch, das war chemisch. Die Fachbegriffe haben wir auch nur rausgehauen,  um mal wieder anzudeuten wie komplex dieses Thema ist. Ausführlich erklären werden wir das in einem späteren Artikel über die Mikronährstoffe.

Aber worin besteht die Wechselwirkung denn jetzt?

Diese kann darin bestehen, dass entweder der Mangel eines Mineralstoffes die Aufnahme eines weiteren behindert, dass durch einen Mangel des einen ein Überschuss des anderen entsteht oder die Mineralstoffe werden zugeführt, aber an verschiedenen Stellen resorbiert und liegen im Wettbewerb miteinander.

Wir haben also als einwirkende Faktoren den Rohstoff selbst, die Stelle im Körper an der er aufgenommen, also resorbiert wird, die mögliche Anpassung des Körpers auf einen Mangel oder Überschuss, die Lebensphase und die bestehende Wechselwirkung. Ein fast unlösbares Puzzle.

Picken wir uns mal ein paar Beispiele für die Wechselwirkung heraus:

Eisen:   Wenn ein Eisenmangel vorliegt, dann passt sich der Stoffwechsel an und sorgt gleichzeitig für eine höhere Aufnahme von Blei. Ein Schwermetall, das oral aufgenommen schwere Schäden bewirken kann. Hohe Eisenmengen verringern dagegen die Kupferspeicherung in der Leber. Auch beim Transport des Nährstoffes gibt es interessantes zu berichten. Transferrin ist ein Protein, welches im Serum für den Transport von Eisen zuständig ist. Es ist i.d.R. zu weniger als 50% mit Eisen gesättigt. Ebenso können Chrom und Mangan über das Transferrin transportiert werden, die 3 stehen also in Konkurrenz miteinander. Eisenoxide (und Kupferoxide) sind schlecht verwertbar und sollten in Futtermitteln nicht verwendet werden.

Der Eisengehalt ist interessanterweise in Billigfuttermitteln teilweise 15-fach höher als benötigt, da insbesondere die „Nebenprodukte“ viel Eisen enthalten sowie Sojaabfälle. Beliebte Bestandteile in Billigfutter. Für die Rohfütterung sind (neben Blut) Innereien wie Leber, Milz und Lunge bevorzugte Eisenlieferanten. Eisen wird in der Leber zu 30% eingespeichert. Weder ein Mangel noch ein Überschuss sind dem Katzenkörper dienlich. Ein Mangel kann durch ein Zuviel an Calcium entstehen, bestimmte Pflanzenstoffe (Phytate, Tannine) sowie ein Überschuss an Phosphor, Zink, Mangan, Kupfer oder Ascorbinsäure (Vitamin C).

Ein weiterer Grund für Eisenmangel könnten auch Parasiten wie Flöhe, Zecken und Darmparasiten (Hakenwürmer) sein.

Zink: Wird über die Nahrung viel Phytat und Calcium aufgenommen, dann bildet sich ein Komplex, der die Aufnahme von Zink behindert. Phytate finden sich in Mais, Soja sowie Weizen-, Roggen- und Gerstenkleie – bevorzugte Bestandteile von Trockenfutter. Nicht nur die Aufnahme von Zink wird behindert, sondern auch die Aufnahme von Calcium, Magnesium und wie vorher schon angedeutet Eisen.

Ein Mangel bewirkt unter Umständen Appetitlosigkeit, Haarausfall, Hautkrankheiten, ein geschwächtes Immusystem und Wachstumserkrankungen des Skeletts.

Hohe Mengen sind dagegen ungefährlich, lösen aber große Wechselwirkungen mit Eisen und Kupfer aus und sollten natürlich vermieden werden. Bei der Rohfütterung findet sich Zink in den meisten Fleischsorten und Ballaststoffen.

Calcium: Ist einer der „Big Player“ im Puzzlespiel und wird grob gesehen an 3 Stellen resorbiert. Die Resorption wird aber eigentlich nur an einer Stelle (Zwölffingerdarm) durch Vitamin D reguliert, diese ist aber die entscheidende. In der Niere wird der Calciumhaushalt durch das Parathormon (aus der Nebenschilddrüse) und Calcitonin (aus der Schilddrüse) reguliert und weniger durch Vitamin D. Ein Überschuss oder Mangel sollte bei Katzen unbedingt vermieden werden – das ist ein alter Hut. Bei einem Futtermittel ohne Calcium (z.B. einer reinen Fleischfütterung) wird das Parathormon erst recht stimuliert, was zusammen mit Vitamin D die Demineralisierung der Knochen und Zähne auslöst.

Bei FORL ist dies zum Beispiel ein Thema (bei einer der beliebtesten Hypothesen), da man leicht sieht, dass hier zusätzliche Gaben von Vitamin D kontraproduktiv wären weil die Zähne so weiter demineralisiert würden. Wenn man dieser Hypothese folgt, sollte man die Vitamin D-Zufuhr überprüfen und an der Calciumversorgung arbeiten. Diese ist aber abhängig von 7 anderen Mineralstoffen, mindestens einem Vitamin und  mindestens zwei Hormonen. Zuviel ist aber auch fatal. Was ein Hexenwerk!

Ihr seht anhand der wenigen Beispiele, dass das Auffinden und Beheben eines Mangels wahre Detektivarbeit erfordert. Und das ist die eigentliche Botschaft dieses Artikels: Immer sollte man dabei das Gesamtgebilde im Auge haben. Nur stumpf etwas zuzusetzen was einem manche Foren oder Seiten vorbeten reicht nicht aus. Seid sensibler im Umgang mit Nährstoffen, die ihr in uns Katzen kippt, vor allem wenn schon ein Mangel oder eine Krankheit vorhanden ist. Recherchiert selbst, besorgt euch das passende Fachbuch aus der Bücherei, denkt mit.

Oder anders gesagt: Alles kann – nichts muss. Großer Scheibenkleister, oder?

Organische Mineralstoffe sind übrigens größtenteils besser resorbierbar als Anorganische. Das gilt auf jeden Fall für Selen, Chrom und Eisen. Und dabei sind Stoffe aus tierischen Quellen besser nutzbar (mindestens aber genauso gut) als die aus pflanzlichen Stoffen. Ein Hoch auf das BARFen mit natürlichen Zusätzen! 🙂

Quellen:
Buch: Mineral Levels in Animal Health | Diagnostic Data – Robert Puls
Buch: Klinische Diätetik für Kleintiere – Hand, Thatcher, Remillard, Roudebush
Buch: Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde bei Klein- und Heimtieren – Markus Eickhoff
Studie: Update on the Etiology of Tooth Resorption in Domestic Cats – Reiter et al.

 

Quot capita tot census!

Euer Professor Jasper

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